Joachim Koch

„No feelings . . ."

Joachim Koch hat seine Härten.

Der Besucher, der eine Metallplastik nach einiger Zeit nicht nur mit den Augen, sondern auch mit den Händen erfahren will, wird freundlich, aber bestimmt zurechtgewiesen. Die Säurespuren der Hand würden zu Oxydation führen, und schließlich kann der Künstler nicht jedem mit einem Lappen hinterherlaufen, um Spuren zu beseitigen. Gar in einer Ausstellung ...

Zu diesem naheliegenden Berührungsverbot kommen tiefere und komplexere Motive hinzu. Dem Betrachter mögen sie zunächst befremdlich erscheinen, aber für Kochs Auffassung von Plastik und Kunst sind sie bezeichnend, und es lohnt, über sie nachzudenken. Man soll - so Koch - künstlerische Arbeiten ebenso wie Dinge, Menschen, Wesen respektieren. Sie haben ihre eigene Vollkommenheit. Wer diese wahrzunehmen versteht, wird den Arbeiten wie Partnern gegenübertreten, ihnen mit Achtung und Respekt begegnen. Der gleichen ist nicht mit Demut oder Kniefall zu verwechseln. Kein religiöses Verhältnis, sondern ein aufgeklärt-demokratisches: Respekt vor dem Anderen und Gleichwertigen. Wie von Mann zu Frau, so zu Ding und Werk. Keine Kumpanei, keine verschlampte und nivellierende Pseudo-Brüderlichkeit, sondern Achtung und Anerkennung.

Man kann ahnen, welche Forderungen daraus zunächst für den Künstler selbst resultieren. Er muß diesen Auflagen als erster genügen, muß größten Respekt in die Arbeit einbringen. Daß er das tut, kann man bei Joachim Koch allenthalben sehen. Die Perfektion des Handwerks steht am Anfang. Und das ist nicht wenig. Handwerk hieß einmal „techne" - der ursprüngliche Name für Kunst. Die Schärfe seiner Kanten, die Exaktheit seiner Winkel, die Präzision seiner Oberflächen sind nicht selbstverständlich. Sie ergeben sich nicht einfach durch das Material. Sie verlangen aufwendige und langwierige Arbeitsprozesse. Würde er die Ecken bloß mit Brennschneidetechnik bearbeiten, wären sie leicht rund, nicht spitz; Schweißnähte werden auch dort, wo man sie nicht sieht, präzis ausgeführt; in die im Freien aufgestellten Plastiken darf kein Wasser eindringen, aber nicht etwa, weil man das merken würde oder weil es (nach Jahrzehnten) Folgen haben könnte, sondern weil es sich einfach nicht gehört; es würde der Vorstellung perfekter Arbeit widerstreiten. Mancher mag da an Unangreifbarkeits-Phantasien oder horror vacui denken, aber das wären Spekulationen, sicher hingegen ist ein Werk muß perfekt sein; man pfuscht und betrügt nicht - nicht sich und nicht die anderen.

Je genauer man hinschaut, umso mehr Arbeitsstunden erkennt man. Man versteht, daß Koch - bei aller Leidenschaft und Besessenheit - ein langsamer Arbeiter ist. Manches Werkstück wurde mehrfach verworfen, neu angefangen, schließlich zu Ende gebracht - oder liegengelassen, auf die Warteliste gesetzt (und die kann lang sein, viele Jahre lang). Professionelle Schweißer, die ihm bei großen Arbeiten zur Hand gehen, stöhnen, wenn ihm wieder mal (für sie unbegreiflich) eine Naht nicht perfekt genug sitzt und aufgemacht werden muß.

Doppelte Arbeit scheut er nicht. Schneidet man aus einer Metallplatte eine Binnenform heraus, so verbraucht das Schneidegerät circa 3 mm Material. Dadurch entstehen, wenn man die Stücke wieder ineinanderfügt, zuweilen störende Zwischenräume. Dann muß man das Binnenstück paßgenau aus einer anderen Platte schneiden. Das gibt einen Begriff von dem Aufwand, der hinter der scheinbar mühelosen Perfektion steckt.

Kochs künstlerisches Ethos ist unbestechlich. Seine hartnäckige Präzision bedeutet auch Widerstand gegen die grassierende Geschmacklosigkeit und den allgegenwärtigen Pfusch. Wer Machwerke will, soll nicht bei der Kunst nachfragen, sondern in Kaufhäuser und Einkaufsmärkte gehen (oder zu angepaßten Künstlerkollegen). Die Kunst hatte in der Moderne stets zwei Optionen: Innovation und Widerstand. Seit alles erfunden ist, bleibt nur noch Widerstand übrig. Eine solche Haltung richtet sich gegen den alltäglichen Material- und Bedeutungsverschleiß, unseren Konsumismus.

Koch bietet keine Heimeligkeit. Seit er sein Material und seine Formensprache gefunden hat, arbeitet er konsequent auf deren Basis weiter. An der Folkwang-Schule in Essen wurde er als Plastiker ausgebildet; seit einigen Jahren arbeitet er fast nur noch mit Baustahl, daneben gelegentlich mit Holz. Gerade und Winkel. Teilung und Versetzung. Zackung und Verschiebung, Gitter und Stäbe sind seine Grundformen. Mit ihnen schafft er lapidare, eindrucksvolle, strenge Plastiken.

Wie läßt sich ein Körper in sich verschieben, wie können aus einem Körper mehrere entstehen, wie lassen sich die Formen neu kombinieren - so könnte man immer wiederkehrende Fragestellungen dieses Werks formulieren. Geometrische Strenge herrscht vor, das stereometrische Rekonstruktions- und Vorstellungsvermögen des Betrachters wird angeregt, Linie und Fläche - nicht Masse oder Volumen - sind für die Körper charakteristisch. Figürliches ist nicht ausgeschlossen. Den Stelen ist es ohnehin immanent, aber auch manch andere Arbeit wird unwillkürlich als Figur aufgefaßt. Koch besitzt einen Ausstellungsraum in einer geräumigen Garage auf einem Bauernhof, einige Kilometer von der Wohnung entfernt. (Mancher Zeitgenosse würde sich wünschen, dort gelegentlich ein paar Stunden inmitten der Plastiken verweilen zu können - um zu schauen, nachzudenken, zu sich zu finden.) Dort steht eine Arbeit, die man sofort figürlich liest: als einen Wächter über die Stücke oder einen Genius der Arbeiten. Ihr Figürliches entsteht aber nicht durch das Ankleben einer Nase oder die Imitation eines Gesichts, sondern von der plastischen Organisation der Teile her. Kein Kompromiß mit läppischen Vertrautheitserwartungen, weder hier noch anderswo.

Manchmal wagt Koch sich bis ins Elegante, bis zur Art deco vor. Ein hochformatiges Rechteck mit schmalen Seiten ist aus Vierkantrohren gefertigt, die Eckrundungen ergeben graphische Wirkungen. Der Seiteneinblick zeigt die Konstruktion, die Flächen sind in einem noblen Rotton gespritzt und wirken geradezu edel. Vielleicht wird - auf der Basis seiner technischen Perfektion - ein Zug ins Elegante in künftigen Arbeiten noch stärker zutagetreten.

Kochs Arbeiten vertragen Größe. Manches zunächst klein konzipierte Werk könnte in ganz andere Dimensionen umgesetzt werden. Kleinherzige Basteleien finden sich bei ihm ohnehin nicht, und kleindeutsche Mentalität - diese gastritische Kombination aus Heimatliebe und Gewissensbissen - ist nicht Kochs Sache. Seine großen Arbeiten sind immer überzeugend. Das hat nichts mit Bombast und Großartigkeit zu tun, sondern damit, daß er in großem Maßstab zu denken, auch dort noch die richtigen Proportionen zu finden vermag. Kein Entwurf für große Projekte, wo er nicht eine menschliche Figur hinzustellen würde - zur Vergleichsprüfung, zur Proportionenkontrolle. Die Werke sind eben nicht Selbstzweck, sondern Partner - Partner, die unser Leben größer, klarer und anständiger machen können.

Von Kunst als Emotionswirrwarr hält Koch nichts. Vom üblichen Interpretationsgesäusel in Sachen Kunst ebensowenig. Damit steht er in gut moderner Tradition. Konsequent gibt er seinen Arbeiten nicht einmal Titel. „Ein guter Geist ist trocken", sagte schon Heraklit. Koch sagt es mit den Worten eines Zeitgenossen: „No ideas, nothing to say, no feelings, no taste, no variations, no repetition." Der Satz von John Cage hängt in seinem Arbeitsraum.

Wolfgang Welsch